Mentale Stärke im Sport: Warum Motivation im Winter Kopfsache ist

Sportpsychologe Philippe Müller über mentale Stärke im Training und Alltag.

Wenn es draussen kalt, nass und oft noch dunkel ist, wird der innere Schweinehund schnell zum stärksten Gegner. Trainings werden verschoben, Wettkampfziele wirken weit weg und das Sofa ist plötzlich deutlich attraktiver als die Sportschuhe. Genau in solchen Phasen zeigt sich, wie entscheidend mentale Stärke im Sport ist, nicht nur im Profisport, sondern auch im Hobby- und Breitensport.

Um herauszufinden, wie Sportpsychologie konkret unterstützen kann, haben wir mit unserem Sportpsychologen Philippe Müller gesprochen. Im Interview erklärt er, wie er Sportler:innen begleitet, welche mentalen Themen besonders häufig auftreten und welche sportpsychologischen Strategien sich auch ohne grosses Coaching direkt in den Alltag integrieren lassen.

Wie bist Du zur Sportpsychologie gekommen und was schätzt Du an der Arbeit mit Sportler:innen besonders?

Mich haben mentale Aspekte schon sehr früh fasziniert, vor allem die Frage, wie man vermeintliche Defizite mit der richtigen mentalen Einstellung und inneren Haltung ausgleichen kann. Zu sehen, wie stark der Kopf unsere sportliche Leistung, unser Erleben und unseren Umgang mit Herausforderungen beeinflusst, hat mich dazu gebracht, mich vertieft mit Sportpsychologie zu befassen.

Besonders erfüllend an meiner Arbeit ist für mich die Zusammenarbeit mit Menschen. Jede Person bringt ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Ziele und ihre individuellen Stärken mit. Sportpsychologische Betreuung bedeutet für mich, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihr Potenzial besser zu nutzen sei dies im Sport und auch darüber hinaus.

Wer kann zu Dir in die sportpsychologische Betreuung kommen? Arbeitest Du nur mit Leistungssportler:innen?

Bei mir sind alle willkommen. Für mich steht immer der Mensch im Zentrum, nicht das Leistungsniveau. Ob Spitzensport, ambitionierter Hobbysport oder Bewegung als Ausgleich zum Alltag, mentale Themen im Sport spielen überall eine Rolle. Motivation, Selbstvertrauen, der Umgang mit Rückschlägen oder Stress sind unabhängig davon, wie hoch das sportliche Ziel angesetzt ist.

Wie sieht eine typische sportpsychologische Betreuung aus?

Eine wirklich „typische“ Betreuung gibt es bei mir nicht, da jede Person und jede Situation individuell ist. Ich arbeite bewusst ohne starre Strukturen, weil fixe Schemata der Vielfalt der Menschen nicht gerecht werden.

Meist starte ich mit einem Kennenlerngespräch. Dabei klären wir die Anliegen, Erwartungen und Ziele und prüfen, ob die Zusammenarbeit passt. Manche Sportler:innen kommen mit sehr konkreten Fragestellungen, andere möchten zunächst verstehen, was Sportpsychologie im Alltag überhaupt bedeutet.

Oft machen wir gemeinsam eine Auslegeordnung: Wo stehst du aktuell? Was beschäftigt dich mental im Training oder Wettkampf? Wo möchtest du hin? Daraus ergeben sich mögliche Themenfelder. Tempo und Richtung bestimmt immer mein Gegenüber und ich begleite, strukturiere und gebe Impulse. Die Betreuung kann einmalig, punktuell oder über einen längeren Zeitraum stattfinden.

Mit welchen mentalen Themen kommen Sportler:innen am häufigsten zu Dir?

Die Themen sind sehr vielfältig, dennoch zeigen sich sportartübergreifend gewisse Muster. Häufig geht es um den Umgang mit Fehlern und Rückschlägen, Nervosität und Wettkampfangst, Emotionen wie Ärger oder Frust, Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, sowie Motivation und Zielsetzung.

Diese mentalen Herausforderungen begegnen mir unabhängig vom Leistungsniveau. Die Ausprägung mag unterschiedlich sein, die zugrunde liegenden Mechanismen sind jedoch oft sehr ähnlich.

Wie können Hobby- und Breitensportler:innen sportpsychologische Ansätze nutzen?

Schon kleine Veränderungen im Denken und Handeln können viel bewirken. Dazu gehören realistische und alltagstaugliche Ziele, ein stärkerer Fokus auf den Trainingsprozess statt nur auf Ergebnisse, sowie das bewusste Wahrnehmen und Feiern eigener Erfolge. Ganz wichtig: auch die kleinen Erfolge feiern.

Hilfreich sind zudem Routinen, die das Training erleichtern, etwa fixe Trainingszeiten oder klare Abläufe. Ebenso wichtig ist Selbstreflexion: Wie reagiere ich mental in schwierigen Situationen? Oft beginnt mentale Stärke im Sport nicht im Coachingraum, sondern im ganz normalen Alltag.

Warum erleben viele Sportler:innen im Winter ein Motivationstief?

In den dunklen und kalten Monaten konkurriert Sport mit Alternativen, die kurzfristig attraktiver erscheinen: Wärme, Ruhe, Gemütlichkeit oder soziale Aktivitäten. Der Kopf muss also nicht nur rational entscheiden, sondern auch gegen starke Emotionen ankämpfen.

Hinzu kommt, dass positive Verstärker wie Sonne, Licht und Leichtigkeit fehlen. Der gefühlte Aufwand steigt, der unmittelbare Nutzen sinkt. Mental bedeutet das: Der innere Widerstand wächst und Motivation im Training muss bewusster aktiviert werden als im Sommer.

Welche Strategien helfen, im Winter motiviert zu bleiben?

1. Bewegung fix einplanen: Training sollte wie ein Termin behandelt werden. Wer wartet, bis Motivation spontan auftaucht, wartet meist vergeblich. Planung reduziert den mentalen Entscheidungsstress.

2. Tageslicht nutzen: Wenn möglich, lohnt sich Bewegung über Mittag oder am frühen Nachmittag. Tageslicht wirkt stimmungsaufhellend und motivierend.

3. Fokus auf das Gefühl danach: Gerade im Winter hilft es, sich bewusst daran zu erinnern, wie gut man sich nach dem Training fühlt sei dies ruhiger, ausgeglichener und/oder zufriedener.

Zusätzlich kann es sinnvoll sein, die eigenen Erwartungen im Winter anzupassen, kürzere und regelmässigere Einheiten zu planen und Sportarten zu wählen, die sich auch bei Kälte gut anfühlen. So bleibt Bewegung nicht Pflicht, sondern eine wichtige Quelle für Energie, mentale Stabilität und Wohlbefinden.


Autor: Philippe Müller, M.A. Angewandte Sportpsychologie, Psychologe FSP/SASP

Terminvereinbarung: +41 71 774 10 20 oder info@pulseandbalance.ch